Family Office

Der Begriff „Family Office“ ist ein inzwischen überall geläufiger, jedoch nach wie vor erklärungsbedürftiger, ja fast „mystifizierter“ Begriff, der in der Praxis als auch in der einschlägigen Forschung oft „unscharf“ oder gar falsche Verwendung findet. Bisher ist es nicht gelungen eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Family Office“ zu fassen. Dies liegt unter anderem in der Heterogenität des Phänomens „Family Office“ begründet, welche sich aus dem idiosynkratrischen, individuellen Kontext der Eigentümerfamilie ableitet.

Das Phänomen ist jedoch mitnichten eine völlig neue Erscheinung. Die Anfänge einer strukturierten, delegierenden und wirtschaftlichen Verwaltungsfunktion in einer eigenständigen Organisationsform finden sich bereits in der Funktion des Getreideverwalters, eines der höchsten Ämter im antiken Ägypten. In frühen Feudalgesellschaften des Mittelalters und des Absolutismus sind erste fremdgeführte, professionalisierte Verwaltungsstrukturen nobilitierter Familien zu beobachten (z.B. derer von Thurn und Taxis). Erste Anfänge von generationsübergreifendem Unternehmertum in Verbindung mit professionalisierten Verwaltungsstrukturen bürgerlicher Familien finden sich bereits in der Renaissance in Norditalien (Medici, Borgias etc.) und im deutschen Reich (Fugger, Welser etc.). Im Zuge der „Hanse“ bilden sich überall in Nordeuropa weitere große Kaufmannsdynastien, die neben dem Handel mit Waren zu Bankiers werden, die neben dem Kerngeschäft weitere unternehmerische Aktivitäten in Form von Direktbeteiligungen eingehen. Spätestens mit der Industrialisierung in Europa und den USA entwickeln sich Industrie- und Finanzdynastien, die ganze Industrien neu erfinden, erobern und konsolidieren (siehe „Morganisierung“) und ihre Gewinnüberschüsse wiederum in andere Industrien und Anlageklassen investieren (Familien wie z.B. de Wendel, Haniel, Falck, Rothschild, Krupp in Europa und Rockefeller, Vanderbilt und Morgan in den USA). Als eines der ersten Family Offices, das unserem heutigen Verständnis wohl am nächsten kommt, ist das „House of Morgan“ der Industriellen und Bankiers- Familie Morgan aus den USA zu nennen.

Die Liste interessanter Beispiele ließe sich leicht fortsetzen. Vor, aber vor allem auch nach dem zweiten Weltkrieg in der „Wirtschaftswunderzeit“ entstehen in der BRD viele kleine, mittlere und auch große Unternehmen, die den Unternehmerfamilien zum Teil unglaublichen Wohlstand bescheren. Die letzten 70 Jahre Stabilität und Wachstum haben zu einer noch nie dagewesenen Kapitalakkumulation in den Erbengenerationen deutscher Unternehmerfamilien geführt. In den nächsten zehn Jahren werden Schätzungen zufolge bis zu 30 Billionen Euro an Vermögen vererbt, darunter auch substanzielles Betriebs- und Immobilienvermögen, aber auch Beteiligungsvermögen. Die Gründung von vermögensverwaltenden und investiven Strukturen neben den ursprünglichen Familienunternehmen ist ein Phänomen, dass spätestens ab den 1970er Jahren in der BRD zu beobachten ist. Derartige vermögensverwaltende Strukturen werden einerseits durch erhebliche Gewinnausschüttungen aus Überschüssen an die Eigentümerfamilien, andererseits durch erzielte Verkaufserlöse aus Beteiligungsverkäufen notwendig. In den 1980er und 90er Jahren folgen im Rahmen der Öffnung der Transaktionsmärkte für internationale Investoren weitere spektakuläre Verkäufe von Familienunternehmen und Beteiligungsgesellschaften, die die Gründung von Family Office Strukturen zur Folge haben.

Spätestens seit den frühen 2000er Jahren nutzen Familien, entgegen althergebrachter Fortführungstraditionen, den Verkauf ihres Familienunternehmens als strategischen Exit, um ihr unternehmerischen Kapital aus der operativen Risikoverhaftung herauszulösen und mithilfe professioneller Family Office Strukturen mit entsprechenden Anlagekriterien der Eigentümerfamilie gewinnbringend zu reinvestieren. Spätestens nach der Finanzkrise, die einen irreversiblen Vertrauensverlust in die klassische Vermögensverwaltung etablierter Privat- und Geschäftsbanken zur Folge hatte und aufgrund der zunehmenden Verkäufe von Familienunternehmen, ist ein stetiger Zuwachs von Single Family Offices in Deutschland zu beobachten. Andererseits nutzen gewerbliche Finanzdienstleister, die oft von Banken direkt oder indirekt abhängig sind, den „Modebegriff“ Family Office, um ihre Dienstleitungen zu bewerben. Dazu sind Dienstleister zu zählen, die standardisierte Vermögens- und provisionsabhängige Beratungsdienstleistungen für mehrere Familien und hochvermögende Privatpersonen (Ultra High Net Worth Individuals) anbieten, oftmals jedoch invers incentiviert und von Interessen Dritter abhängig sind.

Begriffsdefinition "Family Office"

Um die einzelnen Verständnisfragmente und unterschiedlichen Ausprägungen rund um den „Modebegriff“ Family Office besser greifen zu können, fassen wir folgende Realdefinition:

„Unter Family Office verstehen wir ein Familien Büro als eigenständige Institution im institutionsökonomischen Sinne, die der Zielsetzung dient, geschaffenes Vermögen einer Unternehmerfamilie in seinen materiellen und immateriellen Komponenten ganzheitlich, den Vermögensinhaberinteressen entsprechend zu erhalten und weiterzuentwickeln und darüber hinaus die monetären und nicht-monetären Zielsetzungen einer Familie zu verfolgen.“ 

Folgende definitorischen Kriterien müssen demnach kumulativ erfüllt sein, damit von einem Single Family Office gesprochen werden kann:

  • Wirtschaftliches Eigentum ausschließlich einer natürlichen Person, einer Familie, ihrer Stämme und deren einzelnen Gesellschafter. Daraus ergibt sich die Weisungsgebundenheit des SFO an die Eigentümerfamilie.
  • Ganzheitlichkeit der Betreuung des Gesamt- bzw. Teilvermögens einer Familie
  • Operative Eigenständigkeit und gesellschaftsrechtliche Unabhängigkeit der Family Office Einheit von Interessen und dem Einfluss Dritter.
  • Steuerungsfunktion im Sinne der Koordination und Kontrolle einzelner Dienstleister und Interessenvertretung einzelner Vermögensinhaber.
  • Honorarfinanzierung für Beratungs-, Begleitungs- und Koordinationsleistungen.

 

Folgende „Family Office Ausprägungen“ sind empirisch zu beobachten:

  • Embedded Family Office (EFO): ein EFO stellt die erste Entwicklungsstufe eines Family Offices dar, welches oft als Vermögensverwaltung in der Organisationsstruktur des ursprünglichen Familienunternehmens aufgehängt und mit dem Familienunternehmen weiterhin gesellschaftsrechtlich und funktional verbunden ist.
  • Virtual Family Office (VFO): ein VFO ist eine virtuell-organisierte Family Office Struktur die aufgrund ihres effizienten, oft digitalisierten Apparates und geringen Institutionalisierungsgrades vor allem für kleinere Vermögens- und Familiengrößen geeignet ist. Hier sind sowohl rechtlich abhängige als auch rechtlich eigenständige VFO zu beobachten.
  • Multi-Family Office (MFO): bei MFOs handelt es sich um rechtlich nicht selbstständige beratende bzw. verwaltende Strukturen, die (Teil-) Vermögen mehrerer Familien provisionsabhängig verwalten und investieren. Oftmals gehören MFOs zu Finanzdienstleistern oder am Familienvermögen nicht beteiligter Agenten, die Weisungsgebunden sind und sich durch ein Interesse am Vertrieb eigener, provisionspflichtiger Produkte charakterisieren. An dieser Stelle ergibt sich regelmäßig Interessendivergenz mit den Vermögensinteressen der betreuten Eigentümerfamilien. Im Rahmen unserer Forschung betrachten wir MFOs entsprechend unserer Definition nicht als Family Offices, sondern als von Dritt-Interessen abhängige Vermögensdienstleister mit verschiedenen praktischen Spezialisierungen wie Kapitalmarkt-, Direktbeteiligungs- und Immobilieninvestitionen.
  • Single Family Office (SFO): das SFO stellt die Reinform des Begriffs Single Family Office dar. Ein SFO ist eine rechtlich eigenständige Einheit, die einer Eigentümerfamilie zuzuordnen und deren Interessen verpflichtet ist, die entweder selbst Vermögensträgerin ist oder zumindest verwaltend und beratend für eine Eigentümerfamilie agiert. Das operative Spektrum umfasst sowohl klassisch-passiv geprägte Vermögensverwaltungs- und Kontrollaufgaben bis hin zu aktivistischen Direktbeteiligungsaktivitäten, die regelmäßig in Form von Industriebeteiligungs-Holdings zu beobachten sind. Zudem können SFOs sowohl durch Gesellschaft der Familie als auch durch fremdes Management geführt sein, was in der Praxis einen signifikanten Einfluss auf die Ausrichtung und das Investitionsverhalten eines SFOs haben kann. Das Vermögen, welches im Rahmen des Family Office verwaltet und investiert wird, stammt oftmals aus vergangenen, thesaurierten Überschussrenditen, aber auch aus Verkäufen von Familienbeteiligungen. Bei diesem sogenanntem „Family Equity“ handelt es sich um Kapital einer Unternehmerfamilie, das nicht in einem operativen Unternehmen gebunden ist, nicht für konsumtive oder steuerliche Zwecke der Familie benötigt wird und für Investitionen in alternative Anlageformen zur Verfügung steht. Die Mindestvermögensgröße eines SFO sollte mindestens 100 Mio. Euro betragen, obwohl auch weitaus kleinere Vermögensgröße in Single Family Offices zu beobachten sind. Die jährlichen Betriebskosten eines SFO sind bei mindestens 500.000 Euro anzusetzen oder ca. 0,2 bis 0,5 Prozent p.a. der verwalteten Vermögensgröße. Die Betriebskosten hängen jedoch stark von der Breite und Tiefe des Aufgaben- und Anlagespektrums ab. 

 

Beitrag des ifb 

Am Institut für Familienunternehmen der WHU untersuchen wir das Phänomen „Family Office“ multiperspektivisch, interdisziplinär und im Zusammenhang mit anderen in diesem Kontext zentralen Phänomenen wie „Family Equity“ (siehe Wissenskachel „Family Equity“). Neben der historischen Betrachtung zur Entstehung von Family Offices, untersuchen wir die Entstehung von Family Office Strukturen im deutschsprachigen Raum, epistemologisch vornehmlich mittels theoretischen Ansätze wie dem „Ressourcen-orientierten Ansatz“, „Stewardship & Agency“- Theorien und der „Socio-emotional Wealth“ Theorie. Folgende Fragestellungen sind im Rahmen unserer Forschung aktuell von zentraler Bedeutung:

  • Welche Rolle kann ein Single Family Office für die unternehmerische Orientierung einer Familie und erfolgreiches generationsübergreifendes Unternehmertum spielen? Welche Erfolgsfaktoren spielen hier eine zentrale Rolle?
  • Inwieweit beeinflusst „unternehmerisches Investieren“ von „Family Equity“ aus einem Family Office heraus generationsübergreifendes Unternehmertum und Vermögenskonservierung und -mehrung?

 

In unserer Forschung zu „Family Offices“, in der wir im Rahmen umfangreicher Untersuchungen der Family-Office-Strukturen und der Investitionsaktivitäten von Family Offices deutscher Unternehmerfamilien sowohl qualitative als auch quantitative Methoden anwenden, nähern wir uns dem Phänomen interdisziplinär und holistisch. Ein primäres Ziel unserer Studien ist es, im ersten Schritt ein umfassendes Verständnis zur Entstehung und zu den Aktivitäten von Family Offices zu generieren. In einem zweiten Schritt versuchen wir latente Sinnstrukturen von Family Office und deren Einfluss auf die Identität und Orientierung der Unternehmerfamilie zu identifizieren. Hier stellen wir uns die übergeordnete Frage, ob und unter welchen Bedingungen ein Family Office einen monetären und ideellen Beitrag zum generationsübergreifenden Erfolg von Unternehmerfamilien leisten kann.

Erste Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass Unternehmerfamilien Family Office bewusst entsprechend ihrer eigenen Identität für nachkommende Generationen gründen, strukturieren und mit unterschiedlichen finanziellen und nicht-finanziellen Anfordungsprofilen ausgestalten. Neben dem Erhalt und der Mehrung ihres Family Equity verfolgen Unternehmerfamilien weitergehende, socio-emotionale Ziele, die im ersten Schritt stark von ihrer eigenen Identität geprägt werden, in Folgeschritten jedoch wiederum die Identität und Orientierungen der Familie im Zeitverlauf prägen. Dem Family Office kommt demzufolge eine zentrale „Trägerfunktion“ für die „Family Legacy“ und die „Family Governance“ zu. 

Unser vertraulicher Austausch mit Unternehmerfamilien und deren Family Offices im Rahmen einer umfangreichen aktuellen Studie bestätigt unsere ersten Erkenntnisse und bestärkt uns, die zentrale Funktion von Family Offices als „Institution für das generationsübergreifende Unternehmertum“ deutscher Unternehmerfamilien weiter zu erforschen und im Rahmen unserer Veröffentlichungen der relevanten Wissenschaft und der Praxis zu Teil werden zu lassen.

Ihre Ansprechpartner

Antonia Schickinger

Antonia Schickinger

Antonia Schickinger ist seit Oktober 2016 externe Doktorandin am Institut für Familienunternehmen an der WHU. Ihre Promotion wird durch die Friedrich-Naumann Stiftung gefördert.

Auf Grund ihres familienunternehmerischen und finanzorientierten Hintergrunds fokussiert sich Antonia in ihrer Dissertation auf unternehmerische Direktbeteiligungen aus Sicht von Familieninvestoren und Family Offices, sowie auf Private Equity Investitionen in Familienunternehmen.

Während ihrer Promotion ist Antonia für den Aufbau eines Family Offices in München mitverantwortlich. Zuvor war sie als Analystin bei Goldman Sachs tätig, wo sie weitreichendes Wissen im Bankensektor und insbesondere in der Beratung von Family Offices und Familienvermögen sammelte. Antonia hat einen M.Sc. Abschluss in Management der Universität Mannheim. Zusätzlich verbrachte sie Auslandssemester an der Chulalongkorn Universität Bangkok (Thailand) und dem Indian Institute of Management Ahmedabad (Indien).

Mail: antonia.schickinger(at)whu.edu

Philipp Bierl

Philipp Bierl

Seit September 2017 ist Philipp Bierl externer Doktorand am Institut für Familienunternehmen an der WHU. Der Forschungsschwerpunkt seiner Dissertation liegt auf dem Investitions- und Allokationsverhalten von Unternehmerfamilien und Familiendynastien sowie auf den zugrundeliegenden Wertschöpfungsstrategien und der Bedeutung von Family Equity für das generationenübergreifende Unternehmertum.

Zuvor absolvierte Philipp ein strukturiertes Promotionsstudium an der ESCP Europe in Berlin. Neben seinem Doktorat unterstützt Philipp die unternehmerischen Aktivitäten seiner Familie. Während seiner Tätigkeit als Analyst bei einer international agierenden M&A-Beratung sammelte Philipp umfangreiche Transaktionserfahrung, vor allem mit Schwerpunkt auf Familienunternehmen. Während seiner Studienzeit sammelte Philipp im Rahmen zahlreicher Praktika, u.a. bei einer renommierten Privatbank in Hamburg, M&A-Beratungen in München, einer international agierenden deutschen Bank in New York und Frankfurt am Main sowie bei einer inhabergeführten Privatbank in Zürich, umfassendes Wissen zu generationsübergreifenden Vermögen und lernte die Schnittstellen zwischen Unternehmerfamilie, Single Family Office und deren unternehmerischen sowie investiven Aktivitäten kennen. Philipp verbrachte Auslandssemester an der INSEEC Grande Ecole in Paris (Frankreich) und an der Regent´s University in London (United Kingdom).

Philipp hat einen LL.M. (M&A) der Frankfurt School of Finance, einen M.Sc. in Strategy der INSEEC Grande Ecole Paris sowie einen M.A. in International Management & Finance der Munich Business School.

Mail: philipp.bierl(at)whu.edu