Family Equity

Der Begriff „Family Equity“ umschreibt das „unternehmerische Wagniskapital“ einer Unternehmerfamilie. Da eine allgemeingültige Definition von Family Equity bisher fehlt, definieren wir „Family Equity“ anhand folgender Eckpunkte: „Family Equity“ ist Kapital von Unternehmerfamilien, das nicht unmittelbar in einzelnen operativen Unternehmungen der Familie gebunden ist, sondern entweder aus dem Verkauf einer (Haupt-) Beteiligung oder aus Gewinnausschüttungen stammt, nicht für konsumtive oder steuerliche Zwecke der Familie benötigt wird und für Investitionen in alternative Anlageformen (z.B. Direktbeteiligungen) zur Verfügung steht. Im Kontext des generationsübergreifenden Unternehmertums schreiben wir Family Equity die „Rolle des Treibstoffs für das generationsübergreifende Unternehmertum“ zu.

Bisher sind Family Office Strukturen und Family Equity Investitionen trotz einiger praktischer Studien ein in weiten Teilen unerforschtes Phänomen. Die typische Verschwiegenheit bzw. die hohen Diskretionsanforderungen erschweren einen vollständigen Überblick der Investitionsaktivitäten. Die zugrundeliegenden Motive, die Strategien, die daraus abgeleitete Strukturierung und die zum Teil sehr heterogenen Aktivitäten von Family Offices sind nach wie vor intransparent. Dies gilt obwohl Unternehmerfamilien mit ihren unternehmerischen Aktivitäten (auch durch ihre Stiftungen und Family Office Strukturen) zum Teil erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung haben.

Seit der Jahrtausendwende treten Unternehmerfamilien auch zunehmend als Verkäufer von Familienunternehmen auf. Wurde ein solcher Verkauf in der Vergangenheit oft als „Traditionsbruch“ und „Scheitern der Familie“ wahrgenommen, nutzen Unternehmerfamilien den strategischen Verkauf des Unternehmens aus wohlgemerkt „guten Gründen“, um ihr oftmals zentriertes Vermögen (d.h. Family Equity) aus dem unternehmerischen Risiko zu nehmen und langfristig für die Familie zu erhalten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass mit dem Verkauf des Unternehmens Familien auch zwangsläufig ihre unternehmerische Identität aufgeben – im Gegenteil. Nach Verkäufen von Familienunternehmen ist häufig die Gründung eines Single Family Offices zu beobachten, durch das die Familien die Reallokation ihres erlösten „Family Equity“ in breit diversifizierte Anlagestrategien umsetzen. Neben der klassischen Vermögensverwaltung sind zunehmend auch Investitionen in unternehmerische Direktbeteiligungen zu beobachten. In den letzten Jahren treten Unternehmerfamilien daher vermehrt mit ihren Single Family Offices als quasi-strategische Investoren auf und bauen zum Teil beachtliche Portfolios an Direktbeteiligungen und Immobilien auf.

Obwohl Familieninvestoren zunehmend professionalisiert agieren und effiziente Transaktionsstrukturen nutzen, unterscheidet sich ihr langfristig-orientierter, risiko-sensibler „Investitionsstil“ und der Charakter des eingesetzten „Family Equity“ doch erheblich vom kurzfristigen bzw. zeitlich begrenzten „Private Equity“. Während diese Entwicklung den Wandel von Familienunternehmern zu unternehmerischen Investoren beschreibt, bleiben Unternehmerfamilien durch den Vorgang des „Investierens von Family Equity unter Risiko“ langfristig unternehmerisch – oftmals generationsübergreifend.

Am Institut für Familienunternehmen der WHU untersuchen wir das Phänomen „Family Equity“ multiperspektivisch und interdisziplinär. Folgende Fragestellungen sind im Rahmen unserer Forschung von zentraler Bedeutung:

  • Welche Funktion hat „Family Equity“ für das generationsübergreifende Unternehmertum? Wie entsteht Family Equity im generationsübergreifenden Kontext von Unternehmerfamilien?
  • Welche Rolle kann ein Single Family Office für die unternehmerische Orientierung einer Familie und die Generierung von Family Equity spielen?
  • Inwieweit beeinflusst „unternehmerisches Investieren“ generationsübergreifendes Unternehmertum und Vemögenskonservierung und -mehrung?

In unserer Forschung zu „Family Equity“, in der wir im Rahmen umfangreicher Untersuchungen der Investitionsaktivitäten von Unternehmerfamilien sowohl qualitative als auch quantitative Methoden anwenden, nähern wir uns dem Phänomen mithilfe des „ressourcen-orientierten Ansatzes“. Der „Resource-based View“ sieht die Erfolgsfaktoren im Kontext einer Unternehmerfamilie in der Qualität der ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen. Als Ressourcen sind dabei die spezifischen Stärken einer Familie zu verstehen, die den langfristigen, generationen-übergreifenden unternehmerischen Erfolg einer Familie sichern sollen. Neben tangiblen, intangiblen und humanen Ressourcen haben v.a. finanzielle Ressourcen einer Familie eine zentrale Funktion für die Vermögensstrukturierung und das generationsübergreifende Unternehmertum. Ein primäres Ziel unserer Studien ist es, im ersten Schritt ein umfassendes Verständnis der Entstehung und Verwendung von Family Equity zu gewinnen. Darauf aufbauend wird die derzeit noch unklare Rolle und Funktionsweise von Family Offices im Zusammenspiel mit Family Equity für das generationsübergreifende Unternehmertum und den damit verbundenen Wertgenerierungsprozessen untersucht. Darüber hinaus liegt ein weiterer Fokus unserer Betrachtungen auf dem Einfluss von Family Equity Investments auf Konstrukten wie der Identität und der unternehmerischen und generationsübergreifenden Orientierung von Unternehmerfamilien.

Erste Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass Unternehmerfamilien ein ausgeprägtes Gefühl für Marktzyklen und ein intuitives Wertverständnis für Direktbeteiligungen entwickeln, prozyklisch desinvestieren, zyklisch und langfristig investieren und eine zumindest indirekte Identitätsbildung der Familie als Unternehmerfamilie von ihren Direktbeteiligungen ausgeht.

Unser vertraulicher Austausch mit Unternehmerfamilien bestätigt unsere ersten Erkenntnisse und bestärkt uns, die zentrale Funktion von Family Equity als „Treibstoff für das generationsübergreifende Unternehmertum“ und nachhaltig erfolgreiche Investitionsstrategien deutscher Unternehmerfamilien weiter zu erforschen. 

 

Ihre Ansprechpartner

Antonia Schickinger

Antonia Schickinger

Antonia Schickinger ist seit Oktober 2016 externe Doktorandin am Institut für Familienunternehmen an der WHU. Ihre Promotion wird durch die Friedrich-Naumann Stiftung gefördert.

Auf Grund ihres familienunternehmerischen und finanzorientierten Hintergrunds fokussiert sich Antonia in ihrer Dissertation auf unternehmerische Direktbeteiligungen aus Sicht von Familieninvestoren und Family Offices, sowie auf Private Equity Investitionen in Familienunternehmen.

Während ihrer Promotion ist Antonia für den Aufbau eines Family Offices in München mitverantwortlich. Zuvor war sie als Analystin bei Goldman Sachs tätig, wo sie weitreichendes Wissen im Bankensektor und insbesondere in der Beratung von Family Offices und Familienvermögen sammelte. Antonia hat einen M.Sc. Abschluss in Management der Universität Mannheim. Zusätzlich verbrachte sie Auslandssemester an der Chulalongkorn Universität Bangkok (Thailand) und dem Indian Institute of Management Ahmedabad (Indien).

Mail: antonia.schickinger(at)whu.edu

Philipp Bierl

Philipp Bierl

Seit September 2017 ist Philipp Bierl externer Doktorand am Institut für Familienunternehmen an der WHU. Der Forschungsschwerpunkt seiner Dissertation liegt auf dem Investitions- und Allokationsverhalten von Unternehmerfamilien und Familiendynastien sowie auf den zugrundeliegenden Wertschöpfungsstrategien und der Bedeutung von Family Equity für das generationenübergreifende Unternehmertum.

Zuvor absolvierte Philipp ein strukturiertes Promotionsstudium an der ESCP Europe in Berlin. Neben seinem Doktorat unterstützt Philipp die unternehmerischen Aktivitäten seiner Familie. Während seiner Tätigkeit als Analyst bei einer international agierenden M&A-Beratung sammelte Philipp umfangreiche Transaktionserfahrung, vor allem mit Schwerpunkt auf Familienunternehmen. Während seiner Studienzeit sammelte Philipp im Rahmen zahlreicher Praktika, u.a. bei einer renommierten Privatbank in Hamburg, M&A-Beratungen in München, einer international agierenden deutschen Bank in New York und Frankfurt am Main sowie bei einer inhabergeführten Privatbank in Zürich, umfassendes Wissen zu generationsübergreifenden Vermögen und lernte die Schnittstellen zwischen Unternehmerfamilie, Single Family Office und deren unternehmerischen sowie investiven Aktivitäten kennen. Philipp verbrachte Auslandssemester an der INSEEC Grande Ecole in Paris (Frankreich) und an der Regent´s University in London (United Kingdom).

Philipp hat einen LL.M. (M&A) der Frankfurt School of Finance, einen M.Sc. in Strategy der INSEEC Grande Ecole Paris sowie einen M.A. in International Management & Finance der Munich Business School.

Mail: philipp.bierl(at)whu.edu