Familienunternehmen allgemein

Sind Familienunternehmen wichtig?

Selbstverständlich, denn Familienunternehmen sind die weltweit dominierende Unternehmensform. In Deutschland sind über 80 Prozent aller Unternehmen Familienunternehmen. Sie erwirtschaften über die Hälfte des Inlands-BIP und über die Hälfte aller Beschäftigten sind in Familienunternehmen angestellt. Zwar handelt es sich bei vielen Familienunternehmen um Kleinunternehmen, doch dies gilt beileibe nicht für alle. Außerdem sind ein Drittel aller börsennotierten Unternehmen Familienunternehmen.

Was versteht man unter einem Familienunternehmen?

Definitionen für den Begriff ‚Familienunternehmen‘ gibt es viele. Meistens ist damit ein Unternehmen gemeint, in dem die Familie einen wesentlichen Einfluss auf das Unternehmensgeschäft ausübt. So können Familienmitglieder beispielsweise Eigentumsanteile besitzen, im Vorstand vertreten sein, Führungspositionen bekleiden und die Unternehmenskultur gestalten.

Geht es Familienunternehmen besser oder schlechter als anderen Unternehmen? Geht die Zahl der Familienunternehmen zurück?

Familienunternehmen schneiden weder besser noch schlechter ab als andere Unternehmen. De facto zeigen die Forschungsergebnisse, dass Familienunternehmen gewisse Vor- und Nachteile im Vergleich zu anderen Unternehmensformen haben. Nur wenn Familienunternehmen diese kennen, sind sie in der Lage, ihre Stärken auszubauen und ihre Schwächen auszugleichen und damit einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Zahl der Familienunternehmen rückläufig ist oder zunimmt.

Was sind die größten Stärken von Familienunternehmen?

Familienunternehmen haben viele Stärken. Erstens sind Familienunternehmen langfristig orientiert. Sie müssen nicht jedes Vierteljahr ihre Zahlen vorlegen und haben – sofern sie nicht an der Börse notiert sind – auch keine Rechenschaftspflicht gegenüber Aktionären. Damit haben sie mehr Freiraum und Möglichkeiten, andere Wege zu beschreiten als üblich und die Dinge mit Geduld anzugehen. Zweitens zeichnen sich Familienunternehmen häufig durch eigene Werte aus, die ihre Unternehmenskultur prägen. Im besten Fall führt dies dazu, dass die Belegschaft hoch motiviert ist und Familienmitglieder bereit sind, dem Geschäft außergewöhnlich viel Zeit zu widmen. Drittens können Familienunternehmen auf ein tragfähiges Netzwerk zugreifen. Häufig investieren Unternehmerfamilien viel Zeit und Aufwand in den Aufbau und die Pflege langfristiger, vertrauensvoller Beziehungen zu Stakeholdern wie Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Diese Bindungen können Familienunternehmen beispielsweise über Krisenzeiten oder Innovationsphasen hinweghelfen. Viertens arbeiten Familienunternehmen äußerst effizient. Insbesondere sind Geschäftsführer von Familienunternehmen darauf bedacht, dass kein Geld verschwendet wird. Deshalb sind sie bestrebt, die Abläufe und Geschehnisse im Unternehmen genau zu überwachen. In Kombination mit ihren fundierten Kenntnissen des Marktes, der Kunden und der Produkte kann dies zu effektiven Controlling-Prozessen führen.

Was sind die größten Schwächen von Familienunternehmen?

Nicht in allen Familienunternehmen läuft es rund. Zunächst einmal können sich Konflikte nachteilig auf Familienunternehmen auswirken. Wenn Familienmitglieder privat miteinander Schwierigkeiten haben, so tragen sie diese möglicherweise auch ins Unternehmen hinein. Zweitens kann es für das Familiengeschäft schädlich sein, wenn Familienmitglieder ohne Ansehen ihrer Bereitschaft oder Kompetenz in Führungspositionen berufen werden. Die Führung eines Familienunternehmens erfordert nicht nur die Bereitschaft hierzu, sondern auch entsprechende Fähigkeiten. Geschäftsführer von Familienunternehmen können äußerst effektive, mächtige und charismatische Führungspersönlichkeiten sein – jedoch nur, wenn sie aufgrund ihrer Fähigkeiten und nicht aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit ausgewählt werden. Drittens sind Familienunternehmen häufig nur zögerlich bereit zu investieren. So schieben sie zum Beispiel Investitionen in die Digitalisierung gern auf. Das liegt daran, dass sie ihr eigenes Geld aufwenden müssen. Zwar wird durch Sparsamkeit Geldverschwendung vermieden, doch häufig werden auch notwendige Investitionen nicht getätigt. Viertens kann die emotionale Bindung dazu führen, dass Familienunternehmen zu sehr mit sich selbst oder mit ihrer Vergangenheit beschäftigt sind. Häufig sind Familienunternehmen wenig bereit, die Errungenschaften ihrer Väter und Vorväter zu verändern.

Was sind die größten Herausforderungen für Familienunternehmen?

Eine wichtige Herausforderung ist die Digitalisierung. Familienunternehmen sind im Allgemeinen sehr gut, wenn es um Innovation geht. Doch die Digitalisierung stellt einen großen, tiefgreifenden Einschnitt dar, der für viele etablierte Unternehmen, darunter auch Familienunternehmen, bedrohlich ist. Nur wenn Familienunternehmen in der Lage sind, die Digitalisierung zu meistern, werden sie im 21. Jahrhundert überleben können.
Eine weitere wichtige Herausforderung ist die Nachfolge. Für Familienunternehmen ist die Nachfolge eine große Herausforderung, weil sie äußerst selten vorkommt. Während andere Unternehmen oft alle drei bis vier Jahre einen neuen Geschäftsführer einstellen, kommt es in Familienunternehmen manchmal nur alle 30 bis 40 Jahre zu einem Wechsel an der Spitze. Außerdem bevorzugen viele potenzielle Nachfolger im 21. Jahrhundert alternative Laufbahnen. Darüber hinaus werden die Anforderungen an künftige Geschäftsführer aufgrund der zunehmenden Komplexität, u. a. durch die Globalisierung, immer höher. Während es in den 1950er Jahren noch relativ „einfach“ war, ein (Familien-)Unternehmen zu führen, ist es im 21. Jahrhundert eine große Herausforderung, ein erfolgreicher Geschäftsführer zu sein, denn dies erfordert nicht nur Talent, sondern auch eine entsprechende Ausbildung.

Ihre Ansprechpartnerin

Prof. Dr.  Nadine Kammerlander

Prof. Dr. Nadine Kammerlander

Nadine Kammerlander wurde im November 2015 zur Lehrstuhlinhaberin des Instituts für Familienunternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management berufen. Zuvor war sie als Assistenzprofessorin an der Universität St. Gallen tätig. Nadine Kammerlander ist diplomierte Physikerin (TU München) und promovierte Betriebswirtschaftswissenschaftlerin (Otto-Friedrich Universität Bamberg). Sie arbeitete mehrere Jahre bei McKinsey & Company und beriet internationale Unternehmen der Automobil- und Halbleiter-Branche in Produktentwicklungsprojekten. Neben der Schweiz und Deutschland lebte bzw. arbeitete Nadine Kammerlander auch in Schweden, Italien, USA und Mexiko.

Tel.: +49-(0)261-6509-780
Mail: nadine.kammerlander(at)whu.edu