Diversifikation

Diversifikation bedeutet grundsätzlich die Streuung von Vermögen bzw. Investitionen – häufig mit dem expliziten Ziel der Risiko-Senkung. Auf der Ebene des Familienvermögens bedeutet Diversifikation, dass ein größerer Anteil des Vermögens in andere Firmen (idealerweise andere Industrien und andere Länder) und in andere Asset-Klassen, wie z.B. Immobilien, Anleihen oder Gold, investiert wird. Auf der Ebene der Firma wird in der Literatur unterschieden zwischen der Länder-Diversifikation (also Ausweitung des Geschäftes auf andere Länder) und der Produkt-Diversifikation (also zusätzliche Produkte oder Tätigkeiten).

Auf der Ebene des persönlichen Vermögens (bzw. das der Familie) werden in der Fachliteratur in erster Linie die positiven Effekte der Diversifikation betont. Denn viele auch große Risiken sind firmenspezifisch (z.B. ein notwendiger Produktrückruf) oder industriespezifisch (z.B. eine verschärfte Regulierung) oder länderspezifisch (z.B. eine politische Krise). Der Eintritt eines solchen Risiko-Falls trifft das Vermögen natürlich geringer, wenn es über viele Firmen, Industrien und Länder verteilt ist. Ein Praktiker mag sich an die Binsenweisheit erinnern, dass man „nicht alle Eier in einen Korb legen soll“. Es lässt sich leicht durchrechnen, wie unterschiedlich die Effekte auf das Vermögen je nach Diversifikation sind. So könnte man z.B. annehmen, dass ein Risiko-Fall wie ein Produktrückruf den Firmenwert halbiert. Wenn dann das gesamte Vermögen in einer Firma gebunden ist, würde sich auch das Vermögen halbieren. Wenn allerdings das Vermögen gleichmäßig auf 10 Firmen verteilt ist, würde ein solcher Risiko-Fall lediglich 5% des Vermögens vernichten.

Die sogenannte Portfolio-Theorie betont bei der Vermögens-Verteilung die Bedeutung von sogenannten Korrelationen mit Blick auf Kennzahlen-Entwicklung. Eine hohe Korrelation zwischen zwei Firmen (analog bei zwei Segmenten einer Firma) bedeutet, dass diese sich z.B. bei der Gewinn-Entwicklung tendenziell ähnlich entwickeln. Deutlich wird dies am Beispiel des Krisenjahres 2009 – Firmen in den Sektoren Automobil und Maschinenbau sind stark eingebrochen – es sind beides zyklische Sektoren mit einer hohen Korrelation. Dagegen sind Firmen im Konsumgütersektor in Krisenjahren wie 2009 deutlich weniger eingebrochen. Es gilt also, dass eine geringere Korrelation zwischen den Firmen im Portfolio zu einer größeren Risiko-Senkung durch die Diversifikation führen. Im Extremfall kann es sogar zu negativen Korrelationen kommen, wenn z.B. bei Kriegen die meisten Firmen einbrechen aber Rüstungsfirmen sogar höhere Gewinne verzeichnen können. Ein Kleinanleger ohne Bindung zu einem bestimmten Unternehmen könnte also auf dieser Basis sein Vermögen diversifizieren. Im ersten Schritt würde er je nach Risiko-Neigung sein Geld auf Asset-Klassen verteilen. Im zweiten Schritt würde er innerhalb einer Asset-Klasse, wie z.B. Aktien, das Vermögen über viele Firmen aus den unterschiedlichsten Ländern und Industrien streuen. Dieses Vorgehen mag in der Praxis vielen Kleinanlegern schwer fallen – in der Theorie gibt es jedoch einen breiten Konsens für diese Vorgehensweise.

Was bedeuten diese Argumente nun für die Unternehmerfamilie? Erstens wird auf der Ebene des Familien-Vermögens in der Regel nicht die optimale Risiko-Diversifizierung möglich sein – denn typischerweise sind über 90% des Familienvermögens in einer Firma gebunden und das Herauslösen eines Großteiles dieses Vermögens ist kaum möglich ohne den Status als Familienunternehmen aufzugeben. Zweitens sollten Entscheidungen zu Dividenden und Kapitalmaßnahmen durchaus nicht nur die Notwendigkeiten der Firma und den Konsum der Familienmitglieder, sondern auch das Risiko für das Familienvermögen berücksichtigen. Drittens könnten Unternehmerfamilien überlegen, ob die ggf. unzureichende Diversifikation auf der Vermögens-Ebene durch eine zusätzliche Diversifikation auf der Unternehmens-Ebene ausgeglichen werden soll. Während die Fachliteratur wie oben beschrieben die Diversifikation des Privatvermögens einstimmig begrüßt, so wird die Diversifikation auf Firmenebene durchaus unterschiedlich und differenziert betrachtet. Innerhalb der letzten Jahrzehnte gab es verschiedene Wellen hin zu mehr Diversifikation, bzw. hin zu mehr Fokussierung. Für eine Unternehmerfamilie, mit der oben beschriebenen Kapitalbindung in einem einzigen Unternehmen, ist das entscheidende Argument häufig das geringere Bankrott-Risiko im Falle einer höheren Diversifikation innerhalb des Unternehmens.

Ihr Ansprechpartner

Jun.-Prof. Dr. Max Leitterstorf

Jun.-Prof. Dr. Max Leitterstorf

Max Leitterstorf ist seit 2014 Juniorprofessor am Institut für Familienunternehmen der WHU – Otto Beisheim School of Management. Im Rahmen von Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit den ökonomischen und nicht-ökonomischen Zielen von Unternehmerfamilien und den jeweiligen Auswirkungen auf der Unternehmensebene. Konkrete Forschungsprojekte befassen sich u.a. mit der Dividendenpolitik, M&A und Risiko. Neben der eigene Forschung und Lehre fördert Max Leitterstorf auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut und die Einbindung von Familienunternehmern u.a. durch die jährliche Konferenz „Campus for Family Business“.
Vor seinem Wechsel an die WHU war Max Leitterstorf ab 2008 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG). Dort beriet er sowohl Großkonzerne als auch Familienunternehmen bei verschiedenen strategischen Fragestellungen. Projektthemen waren u.a. PMI, Kernprozesse, und Organisationsstrukturen. Seit dem Wechsel an die WHU unterstützt Herr Leitterstorf (z.T. gemeinsam mit studentischen Teams) Familienunternehmen bei unterschiedlichen Themen wie der strategischen Ausrichtung bzw. mit Blick auf die Rolle der Familie im Unternehmen.

Tel.: +49-(0)261-6509-810
Mail: max.leitterstorf(at)whu.edu