Börsengang

Für viele Familienunternehmen ist ein IPO, also ein Börsengang, ein sehr emotionales Thema. Es kommt dann zur Sprache, wenn eine größere Menge Kapital z.B. für Wachstumsinvestitionen benötigt wird und das Unternehmen kein zusätzliches Fremdkapital aufnehmen kann oder will.

Argumente gegen den Börsengang eines Familienunternehmens fallen in der Regel in zwei Kategorien. Erstens fürchten Unternehmerfamilien den Kontrollverlust mit Blick auf externe Aktionäre. Zweitens bedeutet ein IPO zusätzliche Transparenz- bzw. Publikationspflichten.

Den Kontrollverlust können Familienunternehmen auf unterschiedliche Arten begrenzen. Eine Möglichkeit ist die Ausgabe von stimmrechtslosen Vorzugsaktien. Auf diese Weise können alle Stimmrechte in der Familie bleiben und externe Aktionäre werden über eine höhere Dividende entschädigt. Diese Möglichkeit haben z.B. die Familien hinter den Firmen Fuchs Petrolub und Draegerwerk gewählt. Eine andere Möglichkeit ist, die Mehrheit der Aktien in der Familie zu bündeln. Die Unternehmerfamilie hinter Wacker Chemie hält z.B. seit dem IPO 2006 mehr als 50% der Aktien. Um zu verhindern, dass einzelne Familienmitglieder z.B. nach Erbfolgen Aktien an der Börse verkaufen, sind die Aktien der Familie in einer Holding gebündelt. Praktiker argumentieren häufig sogar, dass bereits 30% der Stimmrechte ausreichen, um eine Mehrheit auf der jeweiligen Hauptversammlung zu haben, da viele Kleinaktionäre in der Regel nicht vertreten sind.

Die Transparenz- bzw. Publikationspflichten richten sich insbesondere nach dem jeweiligen Börsensegment. Der sogenannte Prime Standard hat im deutschen Markt die höchsten Anforderungen. Diese beinhalten die Veröffentlichung von Quartalsberichten und von sogenannten ad-hoc Berichten zu börsenkursrelevanten Informationen. Unternehmen die diese Veröffentlichungen scheuen, können z.B. das Segment Scale (früher Entry Standard) wählen.

Zusammenfassend ist zu betonen, dass Unternehmerfamilien beim IPO auf unterschiedliche Arten die jeweiligen Sorgen hinsichtlich Kontrollverlust und Transparenz- bzw. Publikationspflichten angehen können. Ob die verbleibenden Nachteile eines Börsengangs dann die Vorteile überwiegen oder nicht, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.

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Jun.-Prof. Dr. Max Leitterstorf

Jun.-Prof. Dr. Max Leitterstorf

Max Leitterstorf ist seit 2014 Juniorprofessor am Institut für Familienunternehmen der WHU – Otto Beisheim School of Management. Im Rahmen von Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit den ökonomischen und nicht-ökonomischen Zielen von Unternehmerfamilien und den jeweiligen Auswirkungen auf der Unternehmensebene. Konkrete Forschungsprojekte befassen sich u.a. mit der Dividendenpolitik, M&A und Risiko. Neben der eigene Forschung und Lehre fördert Max Leitterstorf auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut und die Einbindung von Familienunternehmern u.a. durch die jährliche Konferenz „Campus for Family Business“.
Vor seinem Wechsel an die WHU war Max Leitterstorf ab 2008 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG). Dort beriet er sowohl Großkonzerne als auch Familienunternehmen bei verschiedenen strategischen Fragestellungen. Projektthemen waren u.a. PMI, Kernprozesse, und Organisationsstrukturen. Seit dem Wechsel an die WHU unterstützt Herr Leitterstorf (z.T. gemeinsam mit studentischen Teams) Familienunternehmen bei unterschiedlichen Themen wie der strategischen Ausrichtung bzw. mit Blick auf die Rolle der Familie im Unternehmen.

Tel.: +49-(0)261-6509-810
Mail: max.leitterstorf(at)whu.edu